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Sachsen-Anhalt im Trockenstress

Warum der letzte Regen so trügerisch war

Magdeburg, 29. Juni, nachmittags. Ein hellgrau melierter Himmel, angenehme 23 Grad, angesichts der Glut vergangener Tage fast kühl. Und dann trommeln leise, kaum hörbar, Regentropfen auf den Sonnenschirm. Nur wenige Minuten lang.

Der Regen, der vom Wetterdienst prophezeit wurde, bleibt aus. 20 bis 50 Millimeter? Die Menge ist kaum messbar. Nicht der erste Irrtum vergangener Wochen. Nicht die erste Enttäuschung. Bange Blicke auf die Wetter-App. Das Wetter-Radar der App zeigt  Wolkenbänke, die sich kurz später in Nichts auflösen.

Samstag, 1. Juli, vormittags. Gegen 4.30 Uhr hatte es zu regnen begonnen, erst stark, dann nieselnd, mit Unterbrechungen. In Rothensee zeigt der Regenmesser morgens 12 Millimeter an, bis zum frühen Nachmittag kommen noch knapp vier Millimeter hinzu. Pfützen auf der Straße. Wasser tropft von den Bäumen. Wer jetzt durchs Gras läuft, bekommt nasse Schuhe.

Also Entwarnung? Ist das die Erlösung? Jetzt haben die Pflanzen endlich das dringend benötigte Wasser – oder? Ein trügerisches Gefühl, eine falsche Hoffnung. Auch wenn die Bäume im Stadtpark auf den ersten Blick noch satt grün erscheinen.

Die Klimakrise ist nicht nur in Magdeburg angekommen. Wir sind ihr nationales Zentrum, und das seit Jahren.

Das Landesamt für Umweltschutz (LAU) hat die bitteren Fakten zusammengefasst:

– Das Frühjahr 2022 war eines der drei trockensten (zusammen mit den Jahren 1934 und 2011) seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881.

– Nachdem der Februar noch recht feucht war, fielen in den Frühlingswochen dann nur noch 157 Millimeter Niederschlag, drei Viertel des statistisch erwarteten Wertes von 207 Millimetern. Im Monat März kamen nur noch 15,1 Prozent zusammen, gegenüber dem Niederschlag-Mittel des Vergleichzeitraums von 1961 bis 1990.

– Die Sonne schien im März 231,4 Stunden – der Höchstwert seit Erfassungsbeginn 1951 (auf Platz 2 das Jahr 2011 mit 38 Stunden weniger).

– Die 16 Millimeter Regen am Freitag in Magdeburgs Norden (im Süden fiel etwa das Doppelte) sind dabei aber nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Bördeboden, eine winzige Rate auf einen Langzeit-Kredit. Denn durch die trockenen Jahre seit 2018 fehlen dem Boden inzwischen 272 Millimeter Regen – die Menge eines halben Jahres.

Wie viel Niederschlag bräuchten wir eigentlich, damit der Boden wieder die normale Feuchtigkeit hat? Der Magdeburger Baum-Sachverständige Hartmut Beyer macht wenig Hoffnung: „Dazu müsste es zwei bis drei Wochen hindurch regnen.“

der schwarze Punkt zeigt die Lage Magdeburgs: Die Bodenfeuchte am 28.06. direkt unter der Oberfläche bis in 10 cm Tiefe ...
... und hier in zwei Metern Tiefe. Weiterhin kritische Werte und Sachsen-Anhalt. Grafiken (Screenshot): Deutscher Wetterdienst

Seit jeher ist der Magdeburger Raum eine der trockensten Gegenden Deutschlands. Inzwischen hat ihn extreme Trockenheit erfasst. Der Bodenfeuchteviewer des Deutschen Wetterdienstes (DWD) macht das auf schockierende Weise deutlich. Dort lässt sich die Trockenheit an verschiedenen Tagen in unterschiedlicher Bodentiefe ablesen. Für den 28. Juni weist die interaktive Karte „extremen Trockenstress aus, und zwar nicht nur an der Bodenoberfläche, sondern bereits auch in zwei Metern Tiefe.

Und hier zeigt sich die fatale Lage speziell unserer Stadt in Bezug auf die Versorgung mit Niederschlag. An der Oberfläche ist halb Deutschland trocken, insbesondere der mittlere und östliche Norden des Landes. Dort wird es aber in den tieferen Schichten wieder deutlich besser – sogar im trockenen Brandenburg. Nicht so leider in Magdeburg und dem südlichen Sachsen-Anhalt.

Bodenfeuchte in Magdeburg - Grafik: Deutscher Wetterdienst

Dies macht deutlich: Es ist nicht Sache eines einzelnen noch so ergiebigen Regengusses, die Pflanzen genügend mit Wasser zu versorgen. Die Frage ist, wie viel Wasser der Boden auf Vorrat hat.

Die Landwirtschaft gebraucht dazu das Maß der „nutzbaren Feldkapazität“ (nFK). Dies meint vereinfacht – vergleichbar mit einem Akku – den „Ladestand“ in bestimmten Bodentiefen an bestimmten Tagen. Die Seite agrarheute.com hat den nFK hier ganz schön erklärt.

Für die Juni-Tage Magdeburg veröffentlichte der Deutsche Wetterdienst dazu die folgende Grafik, die allerdings leicht etwas Falsches suggeriert: „Grün“ heißt nämlich nicht „gut“ (blau wäre gut)  – sondern es meint eine gerade mal 50-prozentige Sättigung, die wir in der Tiefe von ein bis zwei Metern haben. Darüber sieht es noch schlimmer aus:

Aber auch insgesamt ist der Osten Deutschlands von der Dürre immer Dürremonitor des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung stärker betroffen, das belegt auch der Dürremonitor des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung (UFZ) mit Aufzeichnungen über die Veränderungen der letzten Jahre:

Grafik: UFZ-Dürremonitor/ Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

Wir sollten also aufhören, immer nur zu hoffen, dass schon irgendwann genug Regen kommt. Wir können nur versuchen, den Schaden zu begrenzen. Rasen und Beete sind nicht wichtig, hier sollte das kostbare Wasser nicht verschwendet werden; die Bäume brauchen das Wasser. Besser viel Wasser in etwas größeren Abständen als täglich kleine Mengen. So fördern wir das Wurzelwachstum. Und am besten in den frühen Morgen- und den späten Abendstunden, dann dringt mehr in die Erde ein, es verdunstet weniger. Das ist es, was wir noch tun können.

Und sonst? Eine kleine Hoffnung bleibt: Dass einige Bäume genetisch so robust sind, dass sie trotz der Trockenheit überleben. Und dass ganz junge Bäume sich noch an die Trockenheit anpassen können.

Es werden nicht alle schaffen. Aber ein paar.